Kai Pahl

Buch-Cover von „2312“

„2312“, Kim Stanley Robinson

Swan Er Hong ist eine Künstlerin und Naturschützerin auf Merkur. Als ihre Großmutter Alex verstirbt, wird sie von Alex in ihrem Nachlass gebeten, geheime Informationen an einen quer durch das Sonnensystem verstreuten Kreis ihrer Kollegen und Freunde persönlich weiter zu geben.

Swan erfährt nur soviel: es geht um die Abwehr einer Verschwörung. Bei der Rückkehr auf Merkur wird bei einem Attentat die einzige Stadt auf Merkur, Terminator, schwer beschädigt und muss evakuiert werden. Über 3.000 Menschen kommen um.

Das Buch beschäftigt sich aber nicht nur mit diesem Plot. Es zeichnet auch die Annäherung zweier gegensätzlicher Charaktere nach: dem Freigeist Swan und dem stoischen Diplomaten Fitz Wahram. Es beschäftigt sich auch mit etlichen ökonomischen und ökologischen Spannungen, die sich aus dem Auseinanderdriften der menschlichen Kolonien auf Merkur, Venus, Mars, den Asteroiden und den Saturn-Monden ergeben haben. Es wird das Bild von sehr fluiden Gesellschaften und physischen bzw. psychischen modifizierte Individuen gezeichnet.

Anders als in der Mars-Trilogie, füllt Robinson keines dieser Bilder komplett aus. Seine Stärke, das World-Building, verliert sich in der Breite, statt in die Tiefe zu gehen. Einzig Merkur und Swan in der Szene der Sonnenanbeter, bieten ein in sich geschlossenes, stimmiges Bild, während alles andere sehr schnell unscharf wird.

Prototypisch ist die Zeichnung des Venus, als ein hochambitioniertes Terraforming-Projekt. Venus wird von clan-artigen Strukturen und Gruppen von Wanderarbeitern dominiert. Aber Robinson geht nicht auf die Genesis dieser Strukturen ein, nicht auf die Funktionsweise dieser Strukturen und nicht auf die Dominanz chinesischen Einflusses ein. Am Ende spielt Venus eine Rolle bei der Auflösung des Plots. Die Auflösung ist aber nicht speziell mit diesem Standort verankert und hätte ebenso auf der Erde stattfinden können.

Ein weiteres Element sind die „Qubes“, die das klassische SF-Trope der Androiden abbilden, die irgendwann menschenähnlich werden. Es wird nicht klar, warum Robinson sich des Themas der Qubes annimmt. Er kann dem Thema nichts hinzufügen, was nicht schon Dutzende von Male geschrieben worden wäre, wie z.B. in Bladerunner.

Nach Robinson-Manier füllen sich die 500–600 Seiten des Buches mit viel Worldbuilding, wenig Charakterentwicklung und wenig Plot. Aber anders als in der Mars-Trilogie, wirkt 2312 wie ein Startpunkt von Visionen, deren Ende aber Robinson nicht ausformulieren konnte. Ich werde das Gefühl nicht los: wenn Robinson sich auf Swan und den Merkur konzentriert hätte, wäre das Buch befriedigender geworden.