Kai Pahl

Buch-Cover von „Shroud“

„Shroud“, Adrian Tchaikovsky

Der Vielschreiber Adrian Tchaikovsky hat letztes Jahr „Shroud“ (436 Seiten) veröffentlicht.

Die Menschheit breitet sich im Universum aus, um auf fremden Planeten und Monden Rohstoffe abzubauen. So gelangt das Forschungsraumschiff Garveneer zu Prospector413b und seinem Mond „Shroud“. Shroud ist englisch und heißt so viel wie „Leichentuch“ oder „Totenhemd“. Shroud ist ca. 30% größer als die Erde, besitzt eine hohe Schwerkraft (1,8x) und eine so dichte Atmosphäre, dass der Mond faktisch abgeriegelt von jedwedem Licht ist.

Als die Garveneer in eine Mondumlaufbahn einschwenkt, bemerkt sie massive elektro-magnetische Aktivitäten. Um den Aktivitäten auf den Grund zu gehen, werden Drohnen losgeschickt. Die ersten dreizehn Drohnen kehren nicht zurück. Von der 14ten Drohne kehrt zumindest der Datenspeicher zurück. Die vier Stunden Videomaterial erweisen sich fast als komplett unbrauchbar, da das Material von der massiven elektromagnetischen Aktivität beeinträchtigt wurde.

Aber auch nur „fast“: zwölf Sekunden Videomaterial, das im Scheinwerferlicht Bewegung zeigt. Ist es Leben? Kann auf diesem Mond, ohne Licht und mit einer hochgiftigen Atmosphäre, Leben entstehen?

Nachdem 59 weitere Drohnen keine Resultate liefern, baut man einen ersten Weltraumlift. Erstens dürfte man ihn eh zum Rohstoffabbau benötigen, zweitens hofft man mit dieser Struktur Dinge reibungsloser runter und wieder hochzuschicken, ohne gegen die hohe Schwerkraft und Atmosphärendruck angehen zu müssen. Zum Beispiel Forschungskapseln mit je zwei Personen.

Doch dann kommt es zu einem folgenschweren Unfall: Eine Lieferung aus dem Weltraum gerät außer Kontrolle und rammt das Forschungsschiff. Die Forscherin Juna und die Ingenieurin Mai retten sich in eine Forschungskapsel, werden aber aus dem Schiff geschleudert und fallen auf den Mond…

Knapp die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit dem verzweifelten Versuch von Mai und Juna, mit der Kapsel auf dem Mond-Boden etliche tausend Kilometer zu überbrücken, um über den Weltraumlift wieder zur Garveneer zu kommen.

Dieser Teil hat IMHO seine Längen, aber Tchaikovsky entwickelt die beiden an ihre Liegen gefesselten Charaktere gut weiter und schafft eine klaustrophobische Atmo in der Kapsel. In einer Kapsel, die nicht verlassen werden kann und deren Scheinwerferlicht selten weiter reicht als eine Greiferlänge.

Neben diesem Überlebenskampf von Mai und Juna ist das zweite Thema das Geheimnis des Planeten. Und hier ziehe ich die Spoiler-Wall hoch (nein, ich verrate nicht alles)…

Shroud besitzt tatsächlich eine umfangreiche Flora und Fauna, die aber aufgrund des Lichtmangels und der anoxischen Atmosphäre anders aufgebaut ist. So sondert die Fauna auf Shroud Metalle ab, aus denen sie Schalen und Knochengerüste aufbauen. Ohne Licht und mit Metall im/am Körper hat man die Kommunikation weg von Akustik und Optik, auf elektromagnetische Wellen verlagert. Weswegen die „Shrouded“ anfänglich die metallene Kapsel selber für ein fremdes, verirrtes Lebewesen von einem fernen Fleck des Planeten halten.

Weite Teile des Buches bestehen daher aus dem „Nicht-Verstehen“ zwischen Mai und Juna und ihren „Shrouded“ Begleitern. Zum Beispiel sendet Mai ein Funksignal aus, vergleichbar mit drei Klopfzeichen. Diese werden von den „Shrouded“ wiederholt. Als Mai daraufhin eine Fibonacci-Sequenz sendet, wird diese von den „Shrouded“ nicht verstanden, weil bei Ihnen Mathematik kein Ding ist.

Tchaikovsky wendet ab ungefähr der zweiten Hälfte des Buches den interessanten Kniff an, die Geschichte einerseits aus der Perspektive von Juna zu erzählen und andererseits aus der Perspektive der „Shrouded“. Als Leser fand ich es faszinierend, mir aus den Monologen der „Shrouded“ selber zusammenzureimen, um was für Wesen es sich handelt und wie ihr Lernprozess abläuft.

Es gibt noch einen dritten Kniff von Tchaikovsky: er streut „Interludes“ von ca. 2-3 Seiten Länge ein. Den kompletten Impact dieser Interludes, wird man sich erst auf der letzten Seite des Buches gewahr.

Es ist nicht nur eine Geschichte des „Nicht-Verstehens“, sondern auch eine Geschichte des „Lernens, um zu verstehen“ – ironischerweise auf einem Mond, auf dem man nichts sieht.

Tchaikovskys Ende lässt offen, ob man wirklich „Gelernt“ und wirklich „Verstanden“ hat und ob man grundlegendes Anders-Sein wirklich akzeptiert.

Das Buch hat mir trotz der Längen gefallen. Tchaikovsky hat Stoff zum Nachdenken geliefert.